400 Menschen wollen Frieden, 40 "Omas" protestierten dagegen.

von Stef Manzini (Kommentare: 0)

Bild: Stef Manzini
Krieg&Frieden

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  • Rund 400 Teilnehmer bei „Macht Frieden“ in Ravensburg.
  • Rothfuß, Ploppa, Aicher und Manzini mit Redebeiträgen auf dem Marienplatz.
  • 40 "Omas gegen Rechts" schimpften wie die Rohrspatzen.
  • "Tanz in den Mai" geriet auch zum informellen Treffen.
  • Viele "Szene-Promis" unter den Gästen, auch Jimmy Gerum.

Macht Frieden, darum ging es am Sonntag, dem 30. April in Ravensburg.

Kurz nach 13 Uhr befand sich der Demo-Zug noch unterwegs in der Altstadt, doch auf dem Marienplatz, oder sagen wir korrekt ganz dicht daneben, stand bereits das Empfangs-Kommando: "Die Omas gegen Rechts." Hübsch sorgfältig getrennt durch Absperrungen und Polizeikräfte konnte man rund eine halbe Stunde anhören, was die von der SPD unterstützte Organisation gegen das Bündnis "Macht Frieden", die Ravensburger Veranstalter- und in der Hauptsache gegen die Redner zu sagen hatten. Mit "kreativen" Sprüchen wie "den Rothfuß Rainer, den will keiner", mit Ermahnungen an Julian Aicher "der hat sein Leben in unserer Demokratie doch friedlich gelebt", und mit Abwertungen betreffend dem Gottesdienst mit Christian Stockmann "das ist kein Pfarrer, sondern ein Sektierer", waren die selbsterklärten Demokratiewächterinnen und Ukrainefreundinnen vor allem laut- aber ansonsten polemisch. Tatsächlich brachten die "Omas", die auch nach Einzug der Ralley erfolglos versuchten die ersten Redner zu übertönen, eine gewisse Munterkeit auf den Marienplatz.

Mit dem Geläut der Glocken der "Freiheitstrychler" und mächtigen Trommeln der rund 400 einziehenden Demonstranten  für den Frieden in der Ukraine hatten sie jedoch schlechte Karten den Lautstärkewettbewerb zu gewinnen. Es darf an dieser Stelle schlicht als schlechte und einfältige Agenda der Omas bezeichnet werden, die Friedensaktivisten immer wieder als politisch am rechten Rand stehend zu bezichtigen. "Die sind alle AfD" war eines ihrer meist wiederholten Statements, gegen das die Demonstranten auf dem Marienplatz ihren Wunsch nach Frieden und dem Ende des Tötens machtvoll entgegenhielten.

"Ja zur Diplomatie" war unter anderem auf dem Spruchband des Bühnenwagens zu lesen, der extra für diese Veranstaltung damit nochmals technisch aufgewertet wurde. Als die Band "Alien´s Best Friend" sich auch als beste Freunde der rund 400 Teilnehmer der Friedensdemo (Angaben laut Veranstalter) erwiesen, in dem sie stimmgewaltig auch mächtig Stimmung machten, und mit einfühlsamen Texten zum Nachdenken einluden, verstummte die Gegendemo endgültig. Einige der "Omas" blieben jedoch noch eine ganz Weile und hörten den Rednern zu, das sei wohlwollend vermerkt. In der Hoffnung, es diene nicht nur zu neuen verbalen Ausfällen.

Julian Aicher, der Neffe von Sophie Scholl betrat als erster Redner die Bühne, er hatte quasi ein Heimspiel in Ravensburg. Aicher wandte sich in seiner kernigen Rede an die "ehemalige Klimaschutzpartei" in dem er erwähnte, dass Rainer Rothfuß ein Elektrofahrrad besitze, und mit Solarenergie heize. Schöne Grüße an Habeck, so Aicher. "Ich stehe heute hier, weil ich aufrufen will zum Frieden, und damit macht man sich unbeliebt bei den Kriegstreibern", rief Julian Aicher. Er hielte es für seine Bürgerpflicht für den Frieden einzutreten, sagte der Mann, der erklärte, es wäre bei ihm beste Familientradition zu rufen: "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" Auf dem Marienplatz versammelt sah Julian Aicher keine "Rechten", sondern Demokratinnen und Demokraten, die den Frieden wollten.

Dr. Rainer Rothfuß, Bundestagsabgeordneter der AfD, polarisierte wohl am allermeisten an diesem Sonntag, hielt jedoch eine fein abgestimmte und abgeklärte Rede in der es, ganz im Gegenteil zu den "Omas gegen Rechts", die ihn beschimpften und aus dem "Schussental jagen wollten", keine polemischen Entgleisungen zu beanstanden gab. Der Geograph, der in Südamerika studiert hat, erzählte von seinen vielen Flüchtlingsprojekten- und seiner Arbeit an der Universität Tübingen. Rothfuß war es auch gewesen, der Daniele Ganser zu dessen erstem Vortrag an einer deutschen Universität nach Tübingen eingeladen hatte. Der ehemalige CDU-Politiker und heutige AfD-MdB für den Wahlkreis Lindau am Bodensee gründete 2016 den Verein "Druschba Global", der mit 250 Teilnehmern die erste Friedensfahrt nach Moskau unternahm. Hierfür erhielt er 2018 den Bautzner Friedenspreis. "Wenn ein Streit eskaliert und einer hat ein Messer, dann gebe ich doch dem anderen nicht auch noch ein Messer, damit ordentlich Blut fließt", erklärte der Politiker seinen Wunsch nach einem sofortigen Ende der Waffenlieferungen an die Ukraine. Ein Jahr Blutvergießen mache doch deutlich wohin die "Reise" der Aufrüstung führe. Dies wäre kein Freundschaftsdienst an das Brudervolk der Ukraine, urteilte Rainer Rothfuß.

Freiheit für Julian Assange war das Thema des Redebeitrags von Stef Manzini von der stattzeitung.org.

Die Journalistin erklärte, dass "Freie Presse und Freiheit für Assange" unmittelbar zusammengehöre. Den kommenden 3. Mai als Tag der Internationalen Pressefreiheit nannte sie einen schwarzen Tag. "Solange Julian Assange in London im Gefängnis sitzt, gibt es keine Pressefreiheit", so wie es keine guten und schlechten Kriegsverbrechen gibt, sagte die Journalistin. Manzini forderte die Menschen vor der Bühne auf, sich vorzustellen, das Wikileaks-Video "Collateral-Murder" zeigte russische Kriegsverbrechen statt der amerikanischen, dann säße Julian nicht seit vier Jahren im Londoner Hochsicherheitsgefängnis, sondern hätte wohl den Friedensnobelpreis, konstatierte die Gründerin der Internet-Zeitung, und erntete dafür viel Zustimmung.

Emotional wurde es noch einmal als der letzte Redner von "Macht Frieden Ravensburg", Hermann Ploppa von seiner Familie und deren Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg berichtete. Der Politologe, Publizist und Politiker der Basisdemokratischen Partei "dieBasis" fesselte die Teilnehmer der Friedensdemonstration mit seiner eindringlichen Schilderung der Wirkung von Phosphorbomben, die den Körper von Menschen mit einer unglaublichen Hitze überfluten- und ihm dann das Wasser entziehen. Ploppas Mutter saß im Luftschutzbunker in Bremen und wurde Zeugin davon, dass ein Mann "vier Puppen" in den Armen hielt. Beim näheren Hinsehen erkannte sie, diese Puppen waren seine ganze Familie gewesen. "Der Mann wurde verrückt, meine Mutter bekam eine schwere Schuppenflechte, meine Schwester eine Depression- sie hat sich 1961 aufgehängt. All das, weil sie diese schweren Traumata nicht mehr ertragen konnten." Beim "Kriegsfernsehen" erhielte man keinen Eindruck der wahren Grauen eines Krieges. Frieden zu machen wäre das elementare Lebensgebot, so Hermann Ploppa.

Alle Redner erhielten viel Beifall und das zeigte deutlich, dass sie mit ihren Beiträgen den Nerv der Menschen vor der Bühne gut getroffen haben.


Den Veranstaltern von "Macht Frieden Ravensburg" ist es gelungen, über Partei- und "Framinggrenzen" hinweg mit Aicher, Rothfuß, Ploppa und Manzini zu zeigen, dass Frieden ein gemeinsames Ziel der "Menschheitsfamilie" ist. Es geht einmal nicht um kleinliches Parteiengezänk und Stimmenwerbung. Die Menschen auf dem Ravensburger Marienplatz sind ein beredtes Zeugnis dafür, dass Frieden etwas ist, dass keine politische Richtung für sich alleine in Anspruch nehmen darf- zeigt doch die momentane Lebensrealität, dass die Partei der einstigen Friedensbewegung auf Abwegen unterwegs ist. Beim anschließenden "Tanz in den Mai" am späten Sonntagabend weit draußen im Allgäu bildeten sich am Rande der 450 tanzwütigen Gäste auch interessante Gesprächsgrüppchen. Hier stand Jimmy Gerum von "Leuchtturm ARD" neben Rainer Rothfuß (AfD), neben Johanna Findeisen ("dieBasis"), neben Stef Manzini (stattzeitung.org) neben Joachim Kaiser und Iris Cassis (Organisatoren der Friedensdemo, beide auch „dieBasis“).

Man kann, man will reden miteinander- und man muss es sogar tun. Vorurteilsfrei und an keine Zwänge gebunden, sowas nennt man informelle Treffen, die gerne am Rande solcher Veranstaltungen stattfinden und ein elementarer Bestandteil von Netzwerken sind. Diese Zusammentreffen sind ein Grundelement der Demokratie, das Recht dazu darf niemals von selbsterklärten Gutmenschen okkupiert werden.

Bleibt an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Veranstalter von "Macht Frieden Ravensburg" mit dem kompletten Orga-Team, für eine rundum gelungene Veranstaltung.



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