Gemeinwohlökonomie statt Kapitalismus

von Cornelia Morche (Kommentare: 0)

Bild: https://christian-felber.at
  • Ein Wirtschaftsmodell mit und für die Zukunft.
  • Christian Felber hielt Vortrag in Überlingen.
  • Ökologische Menschenrechte als Alternative.

Seit über 50 Jahren gibt es das Modell der Gemeinwohlökonomie als ganzheitliches Wirtschaftsmodell, dessen Mitinitiator Christian Felber am 12. Oktober 2022 in der Waldorfschule Überlingen einen Vortrag darüber hielt. In einer Umbruchzeit, wie wir sie aktuell erleben, alles auf den Kopf gestellt und hinterfragt wird und insbesondere die Wirtschaft und das Finanzsystem sich in einer großen Krise befinden, ist ein bereits bestehendes und in einigen Betrieben und Regionen funktionierendes alternatives Modell besonders gefragt. Was verspricht dieses Modell, was steckt dahinter, wie können Menschen damit Leben?

„Wir müssen uns überlegen, was ist eigentlich Wirtschaft“, begann Christian Felber, „und wofür ist Wirtschaft da?“ Und damit sind wir bereits mitten drin in der Thematik. „Wirtschaft ist nicht definiert, stattdessen wird immer gleich von Wirtschaftswachstum geredet, und das wird mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gleichgesetzt“. Christian Felber definiert Wirtschaft jedoch anders: „Es ist die Summe der Aktivitäten, um menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen“, sagt der Wissenschaftler. Diese wiederum sollten in demokratische Prozesse und planetare Vorkommnisse eingebettet sein.

Hier geht Felber zurück bis Aristoteles, der in seinen Grundlagen der „Oikonomia“ Geld als Mittel für ein gutes Leben und gutes Leben als den Zweck sah. Hierin liegt bereits der Knackpunkt, denn von diesen Grundgedanken hat sich unser aktuelles, kapitalistisches Wirtschaftssystem substantiell verabschiedet. Steigerung von BIP, Finanzgewinn und Erhöhung der Rendite sind die jetzigen Ziele, werden zu Selbstläufern, und verlieren jeglichen Bezug zur Realwirtschaft sowie den gesamtheitlichen Bedürfnissen der Menschen in einer Gesellschaft. „Wir verwechseln die Begriffe und setzen sie falsch ein“ erklärte Felber weiter. „Geld kann nur das Mittel sein, und unseren wirtschaftlichen Erfolg müssen wir an Zielen wie Gesundheit, Freiheit, Grundrechten, Lebenszufriedenheit, Frieden und ökologischer Umwelt messen“. Statt uns am BIP zu orientieren, könnten wir ein Maß für Gemeinwohlprodukte festlegen, die durch Gemeinwohlpunkte gemessen werden, führte Felber weiter aus.

„Wir haben auch falsche Vorstellungen, wenn wir nur die Alternativen Kapitalismus und Sozialismus/Kommunismus kennen“, so Felber. „Die Gemeinwohlökonomie, die ihrerseits ökologische Menschenrechte beinhaltet, ist die dritte Alternative“, war sich der Vortragsredner  sicher. Dabei sei die Menschenwürde der höchste individuelle Wert und das Gemeinwohl der höchste allgemeine Wert. Produktion und Handel seien weitere Mittel, um diese Gemeinwohlbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen. Dazu notwendig seien ebenso souveräne Demokratien, basierend auf souveränen Grundrechten.  „Unsere individuellen Grundrechte sind sehr gut formuliert, es fehlen jedoch die gemeinschaftlichen Grundrechte“, erklärte Felber weiter. Hierin läge auch der Unterschied zum Sozialismus/Kommunismus, in dem wesentliche Entscheidungen von wenigen Menschen und nicht aus allgemeinen demokratischen Prozessen getroffen werden. Die Menschen einer Gemeinschaft müssten miteinander aushandeln, wie sie arbeiten wollen, was sie produzieren, was der Wert von Waren und Dienstleistungen sein soll und wieviel sie verdienen wollen.

In einem kleinen Experiment wurde unter Teilnehmern des Publikums ermittelt, wie hoch der maximale Verdienstunterschied von zwei Menschen in einem Betrieb sein könnte. Das Ergebnis war verblüffenderweise einer weltweit durchgeführten Umfrage ganz ähnlich: Der maximale Stundenlohn eines Menschen gegenüber dem Mindestlohn sollte bei gut dem zehnfachen liegen. In der Realität liegen die Zahlen gewaltig auseinander. „In kapitalistischen Systemen ist die Machtkonzentration in wenigen Konzernen, die weltweit alle Regeln bestimmen, der größte Hemmschuh in der Entwicklung hin zur Gemeinwohlökonomie“. Die Machtkonzentration in wenigen Konzernen nimmt zu, die Zahl wirklicher liberaler Demokratien nimmt ab“, so sieht es Christian Felber. Wurden im Jahr 2010 weltweit noch 40 liberale Demokratien festgestellt, seien es heute nur noch 30.

Gleichwohl beginnen einzelne Betriebe, Gemeinden, Städte oder Regionen, nach gemeinwohlökonomischen Grundlagen zu arbeiten und wirtschaften; Zertifizierungen sind entsprechend möglich. VAUDE, FollowFish, die Sparda-Bank oder die BKK ProVita arbeiten bereits nach Gemeinwohlprinzipien, ebenso die Stadt Steinheim (Westfalen), die Region Höxter, aber auch Valencia in Spanien oder die TH Nürnberg, zählte der Experte auf.

Gemeinwohlökonomie könnte Unterrichtsfach in Schulen sein, in dem auch ökologische Menschenrechte gelehrt werden. Gemeinwohlökonomie ist eine Bewegung, in der das letzte Wort nicht gesprochen ist. Wir Menschen sind angesprochen, mitmachen und weiter entwickeln ist das Ziel. Es entstehen ständig kleinere und größere Projekte, und auch die Bodenseeregion würde sich in ihrer Gesamtheit anbieten, nach gemeinwohlökonomischen Konzepten zu leben und zu arbeiten. Die Zuhörer dankten mit großem Beifall und diskutierten im Anschluss an den Vortrag noch eine ganze Weile über diese Möglichkeiten.

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