Joseph Beuys hätte sich gefreut!

von Ruth Meishammer (Kommentare: 1)

  • Corona-kritische Kunst in Überlingen.
  • Die große Überraschung auf dem Töpfermarkt.
  • Lebhafte Diskussionen zu sperrigen Skulpturen .

Traumhaft, super! ruft Günther Dilles, der an diesem Samstagmittag, dem 27. August 2022, zusammen mit vielen anderen Töpfermarktbesuchern etwas höchst Ungewöhnliches entdeckt hat. An einem der vielen Stände direkt an der Seepromenade steht eine Traube von Menschen vor kleinen und lebensgroßen Köpfen und Figuren aus Ton – und staunt. Es sind Skulpturen, die es in sich haben. Die Skulptur, die Günther Dilles aus Überlingen gerade gemeinsam mit seiner Frau betrachtet, zeigt einen Reporter mit ARD-Mikrofon und eine Reporterin mit Pinnochio-Lügennase und einem Mikrofon des ZDF. Ein Schriftzug ziert den Sockel, auf dem beide Figuren einträchtig nebeneinanderstehen: „Ich frage mich, welcher Lüge ich glauben soll?!“ steht da. Steht das da wirklich? – diese Frage scheint, wenn man Blicke deuten will, gleich mehrere Passanten zu beschäftigen. Viele zücken ihre Smartphones und fotografieren eifrig, aber nicht wenige ungläubige Gesichter blicken auch um sich, um auf ähnlich erstaunte Blicke anderer Passanten zu treffen. Und kaum spricht einer seine Gedanken vorsichtig aus, schon traut sich ein anderer zu sagen, wie er darüber denkt. Dieses Schneeball-Phänomen beobachtet die Reporterin gleich mehrfach an diesem Samstagmittag vor dem Stand des Wittener Künstlerpaars Martin Sprave und Diane Tafel. Ein Kunstwerk, das an diesem Mittag zu besonders lebendiger Diskussion führt, ist eine Männerporträtbüste mit Brett vor dem Kopf. Auf dem Brett sind die Köpfe von Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao. Darunter die provokative Unterschrift „Mehr Diktatur wagen!“ – eine Verkehrung des berühmten Willy Brand-Zitats „Mehr Demokratie wagen!“

„Darauf steuern wir zu!“ wagt sich Monika Dilles als erste unter den Passanten hervor. „Wir steuern nicht zu, wir sind längst da!“ ruft da von hinten ein etwas jüngerer Mann. Michael Mann kommt aus Erlangen und macht gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern am Bodensee Urlaub. Die kleine Gruppe von Fremden, die gerade miteinander ins Gespräch kommt, ist sich einig darin, dass statt den toten Diktatoren Stalin und Mao eher aktuell lebende Politiker abgebildet sein müssten.

„Ich bin überrascht, dass das hier so stehen darf. Heutzutage darf man ja in der Öffentlichkeit vieles gar nicht sagen“, findet Michael Mann. Seine Frau pflichtet ihm bei: „Alle, die anders denken als unsere Regierung, werden doch in den Medien sofort beschimpft.“  Ernst Heer, der zu Besuch aus der Schweiz ist und bislang der Unterhaltung nur still zugehört hat, stimmt seinen Vorrednern zu. Auch in der Schweiz stehe es nicht viel besser um die Medien, sagt er. Für das Künstlerehepaar hat er Hochachtung: „Wow, die trauen sich was! Sowas öffentlich auszustellen!“ „Wenn man was nicht sagen darf, muss man es in Satire verpacken“, kommentiert Roxana Palicki, eine junge Frau aus Überlingen, die genauso wie alle anderen Interviewten keine Probleme damit hat, ihren Namen in der Stattzeitung veröffentlicht zu sehen.

„Wage dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, liest Ernst Heer mit lauter Stimme den Satz, der das Podest der Büste eines Mannes ziert, dem Angst und Schrecken ins Gesicht geschrieben steht. Es ist der Leitspruch der deutschen Aufklärung, welchen der Philosoph Immanuel Kant im Jahre 1784 formulierte. Was ihnen an dem Kunstwerk so gefällt, möchte ich von den zwei Männern wissen, die sich gerade gegenseitig ihre Zustimmung bekunden. Der Überlinger Günther Dilles antwortet: „Es traut sich niemand seinen eigenen Verstand zu benutzen, obwohl ihm tagtäglich vorgeführt wird, dass etwas nicht stimmt.“ Das vor Schreck verzerrte Gesicht des Mannes angesichts der Erinnerung an das Wagnis des eigenen Verstandes deutet Dilles so: „Der erschrickt vor seinem eigenen Mut oder vor seiner eigenen Feigheit.“

Etwas abseitsstehend lauscht Bildhauer Martin Sprave voller Freude den Gesprächen, die sich vor seinen Skulpturen entspinnen: „Das passiert ganz oft, in allen Städten, in denen wir sind, dass Leute stehenbleiben, fotografieren und sich mit anderen austauschen“, sagt er. „Ich finde es ganz toll, dass das über diesen Weg der Kunst geht.“ Genau das hat dem Künstler in den letzten zwei Jahren so sehr gefehlt: Menschen hätten sich kaum noch auf ein Gespräch eingelassen, „die Fronten waren so verhärtet und es gab keinen Diskurs mehr.“
Dass ihre gesellschaftskritischen Kunstwerke mit explizitem oder indirektem Bezug zur Corona-Zeit vielfach auf Empörung und Abwehr gestoßen sind, hat das Künstlerpaar nicht überrascht. Kunst darf und soll ja provozieren. „Viel schlimmer ist es“ meint Martin Sprave, „wenn wir so angepflaumt werden – und zwar von rechts wie von links. Neulich meinte zum Beispiel einer, was wir machen würden, sei „entartete Kunst“. In Überlingen hat es solcherlei Anfeindung unter der Gürtellinie bislang gar nicht gegeben. Hier an der Promenade beobachtet man eher stummes Kopfschütteln und hastiges Vorbeilaufen. Nur wenige äußern sich: Eine ältere Passantin findet die nackten Figuren „obzön“ und fühlt sich abgestoßen etwa von der Figur des „Wohlstandsverblödeten“, welcher eine Gasmaske trägt und ein Shirt mit der Aufschrift „klimaneutral“. „Ist die Welt nicht schlimm genug!?“, fragt die Dame vorwurfsvoll.

Doch Äußerungen wie diese bleiben die Ausnahme. Dabei haben diejenigen, die die Kunst an der Promenade als Anregung verstehen und darüber reden möchten, bei weitem nicht alle die gleiche Meinung. Das wird vor allem an der Diskussion über die Porträtbüste deutlich, auf deren Sockel „Mehr Diktatur wagen!“ steht. Warum da nur kommunistische Diktatoren abgebildet seien, will Markus Wilke von Martin Sprave wissen und stößt damit eine spannende Diskussion darüber an, wer dort abgebildet sein sollte und – später dann – ob die Sprache der Kunst eigentlich Worte nötig hat. Wilke ist selbst Künstler in Reutlingen und hat andere Ansichten als das Wittener Künstlerpaar.

Zum Schluss stelle ich Martin Sprave die Frage, die mich seit Beginn der Corona-Zeit bewegt: Warum gibt es so wenig Kunst, die unsere Corona-Zeit zum Thema macht?! Wo sind die kritischen Künstler und Künstlerinnen geblieben?! „Das Problem der Bildenden Kunst“, so meint Sprave, „ist, dass alle Künstler von staatlichen Geldern abhängig sind und genauso sieht die Arbeit dann aus: Das politische System und die Befindlichkeit unserer Gesellschaft werden nicht kritisiert und keiner weicht von der Staatsmeinung ab.“ Gewiss darf man nach weiteren Gründen suchen, warum es so schlecht bestellt ist um die Kunst in Corona-Zeiten. Aber darüber darf das Wichtigste nicht vergessen werden: Dass an diesem Tag auf diesem Überlinger Töpfermarkt etwas (auf)leben durfte, was lange schmerzlich fehlte: Die freie Kunst und die freie Debatte darüber.  


Der Bildhauer und Designer Martin Sprave und die Diplomdesignerin Diane Tafel gründeten 1990 das Atelier und die Werkstatt für Formgestaltung in Herdecke, wo sie seit vielen Jahren tätig sind. Neben der Werkstatt für Schmuckgestaltung gibt es eine Gipsformerei, eine Bildhauerwerkstatt sowie Bereiche für experimentelle Abform-, Material- und Gestaltungstechniken. Es werden unter anderem Schmuckobjekte aus Porzellan kreiert und im Keramikbereich entstehen kleine und lebensgroße figürliche Objekte, Wandreliefplatten, Porträtbüsten und Gartenskulpturen.

Kontakt zum Künstlerpaar:
Webseite: www.madian-art.de
E-Mail: madianart@aol.com
Telefon: 02330 - 73948
Instagram: @madianart
Etsy: MadianArtShop

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Kommentare

Kommentar von Heike Revh |

Bravo.
Ich bin entzückt über Ihre Traute gesellschaftspolitische Kunst an die Öffentlichkeit zu bringen. Danke!!
Gerade habe ich von geimpften traumatisierten Bekannten in einem aggressiven Ton gehört, dass sie über dieses Thema nicht reden wollten.
So weit sind wir schon! Müssen diese Leute erst hungern und frieren, um aufzuwachen?!

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