Frauenrechte uninteressant? Der vergessene Frauentag!

von Stef Manzini (Kommentare: 0)

Bild: Stef Manzini
  • „Internationaler Frauentag“, statt Blumen lieber gleichen Lohn.
  • Auch nach über 100 Jahren noch keine Gleichberechtigung.
  • Frauen verdienen im Schnitt 18 Prozent weniger.

Haben Sie, liebe Leserin, gestern eine Rose geschenkt bekommen? Oder haben Sie, lieber Leser, gestern einen Strauß Blumen verschenkt? Wenn ja, dann sind Sie die große Ausnahme, wenn nein, sind Sie die große Mehrheit. Gefreut über die Blumen der stattzeitung.org haben sich Fatma Oruclar und ihre Mitarbeiterinnen aus dem Überlinger Friseursalon „Coiffeur am See“, denn am gestrigen 8. März war der „Internationale Frauentag“. Neu ist der nicht, man feiert ihn seit 1911, er geht zurück auf die Forderung nach dem Frauenwahlrecht und hieß ursprünglich „Frauenkampftag“. Gekämpft für diesen Tag hatte 1910 die deutsche Sozialistin Clara Zetkin. Seit 101 Jahren fällt der „Internationale Frauentag“ auf den 8. März, der Grund für dieses Datum war ein Streik der Textilarbeiterinnen in New York City, bei dem 1857 über 100 Arbeiterinnen den Tod fanden. Leicht übersehen konnte man hier diesen Feiertag der Frauen, der in Berlin als einzigem Bundesland seit 2019 tatsächlich ein Feiertag ist. Auch im Straßenbild Überlingens gab es dazu am gestrigen Dienstag keine sichtbaren Aktionen.

Um das Wahlrecht geht es freilich nicht mehr, dennoch hat dieser besondere Tag auch heute noch einen ernsten Hintergrund. Als 2019 die Interparlamentarische Union eine Befragung unter anderem zu „Sexismus unter Abgeordneten“ startete, gaben im Ergebnis über ein Drittel der befragten 123 weiblichen Abgeordneten aus 45 europäischen Ländern an, in ihrer Amtszeit psychische Gewalt erfahren zu haben. 25 Prozent der Parlamentarierinnen bestätigten, bereits sexualisierte Gewalt in ihrem beruflichen Umfeld erlebt zu haben. Die damalige Bundesfrauenministerin, Franziska Giffey, forderte daraufhin Parität im Parlament.

Diese Parität ist mit der neuen Bundesregierung erreicht: zählt man die Staatsministerin Claudia Roth noch dazu, ist sie bereits mit neun Frauen gegenüber acht Männern im Kabinett sogar noch übertroffen. Anders als die Einkommenssätze der Ministerinnen in der Bundesregierung litten jedoch die der deutschen Arbeitnehmerinnen auch im vergangenen Jahr noch an einem um 18 Prozent geringeren Stundenlohn - für die gleiche Arbeit wie ihre männlichen Kollegen, so das Statistische Bundesamt. Verdeutlichen tut diesen eklatanten Missstand der „Equal-Pay-Day“, der in diesem Jahr auf den 7. März, also einen Tag vor dem „Frauentag“ fällt. Bis vorgestern haben also die bundesdeutschen Arbeitnehmerinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen umsonst gearbeitet. In der ehemaligen DDR betrug die Einkommensdifferenz zwischen Frauen und Männern übrigens im Vergleich dazu weit weniger, nämlich sechs Prozent.

Auch der Friseurberuf gilt mittlerweile aufgrund der geringen Einkommensmöglichkeiten als „Frauenberuf“. Friseurmeisterin Fatma Oruclar hat vor zehn Jahren den Weg in die Selbstständigkeit gewählt und diesen Schritt nie bereut. Die dreifache Mama hat ein Team, auf das sie sich verlassen kann. Im Mai wird bei „Coiffeur am See“ groß gefeiert, sie überlege sich ein ganz besonderes Event für ihren zehnjährigen Geburtstag, sagt die Chefin „Fatma“.

Ein reines Frauenteam arbeitet bei „Coiffeur am See“, spärlich dagegen ist der Frauenanteil in den Spitzenpositionen der deutschen Wirtschaft. Bei den 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland gibt es keine Vorstandsvorsitzende - und nur rund 10 Prozent Frauen überhaupt in den Vorständen. Von einer Stagnation spricht in diesem Zusammenhang „Statista“ im Oktober 2020. (Quelle: Statista)

Frauen erledigen immer noch den ganz überwiegenden Teil der Care-Aufgaben in unserer Gesellschaft. Frauen erhalten im Schnitt eine Rente von unter 800 Euro. „Woman is the Nigger oft he World“, sangen einst John Lennon und Yoko Ono.

Der „Internationale Frauentag“ hätte es verdient, auch hier in der Provinz mehr in den Fokus zu rücken, denn die Benachteiligung der Frauen ist keineswegs Vergangenheit, sondern vielmehr die Lebensrealität von über 50 Prozent der Bevölkerung. Die Blumen, die den meisten Frauen zum Frauentag zwar eine Freude bereitet hätten, aber ja nicht geschenkt wurden, könnten auch heute nach über 100 Jahren „Internationalem Frauentag“ nicht über die fehlende Gleichberechtigung hinwegtrösten.



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